Verkaufsoffener Sonntag – Willkommene Abwechslung für die ganze Familie am Wochenende oder nicht tolerierbarer Eingriff in die Sonntagsruhe?

Was die einen als wirksame Belebung des lokalen Einzelhandels in Zeiten des Online-Shoppings begrüßen, lehnen die anderen kategorisch als komplett überflüssig ab und begründen es mit den untragbaren Bedingungen für Verkäuferinnen und Verkäufer und deren Familien.

Am verkaufsoffenen Sonntag scheiden sich in Deutschland seit jeher die Geister. Was vielerorts überall auf der Welt gelebte Praxis ist, steht hierzulande, spätestens seit das Oberverwaltungsgericht in Münster entschieden hat, dass es nur noch in seltenen Ausnahmefällen verkaufsoffene Sonntage geben soll, wieder in erbitterter Diskussion:

Keine Regel ohne Ausnahme

Für frische Brötchen am Sonntagmorgen geht jeder gerne zum Bäcker und auch an der Tankstelle, am Bahnhof oder am Flughafen kann sonntags bundesweit ganztägig eingekauft werden. Diese Ausnahme ist im Ladenschlussgesetz festgelegt, andere Geschäfte müssen per Gesetz am Sonntag ganztägig geschlossen bleiben.

Kleiner Exkurs in die Geschichte

Das war nicht immer so: Noch im 19. Jahrhundert waren viele Geschäfte in Deutschland an sieben Tagen pro Woche zwischen 5 und 23 Uhr geöffnet. Erst mit dem Entstehen von Warenhäusern gegen Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich das. Im Jahr 1891 wurde festgelegt, dass alle Läden am Sonntag nur noch fünf Stunden geöffnet sein dürfen. Erst 1919 wurde die allgemeine Sonntagsruhe für Geschäfte eingeführt und ist seither in allen Ladenschlussgesetzen der Bundesrepublik Deutschland verankert. Sonderregelungen gelten seither nur für Läden in Bahnhöfen, an Flughäfen und in den Urlaubsregionen an der Nord- und Ostsee. In Verbindung mit Märkten, Messen und sonstigen Veranstaltungen sind vier verkaufsoffene Sonn- und Feiertage pro Jahr möglich. Die Verkaufszeit darf dann aber 6 Stunden nicht überschreiten und muss außerdem außerhalb der Zeiten der jeweiligen örtlichen Hauptgottesdienste liegen.

Verkaufsoffene Sonntage im bundesweiten Vergleich

Verkaufsoffene Sonntage werden in Deutschland je nach Bundesland, Stadt oder Gemeinde anders gehandhabt. Die vier, laut Ladenschlussgesetz erlaubten, verkaufsoffenen Sonntage pro Jahr werden in der Praxis je nach Bundesland in unterschiedlichen Varianten gelebt und genehmigt.

In Baden-Württemberg, Bremen, Hessen, Bayern und Hamburg gelten im Wesentlichen die vier verkaufsoffenen Sonntagen pro Jahr, wobei zum Teil die Adventssonntage von dieser Regel ausgenommen sind. In Berlin, Niedersachsen, Mecklenburg Vorpommern und Nordrhein-Westfalen gelten zusätzlich andere Regelungen. Vor allem in den vielen touristischen Zentren an Nord- und Ostsee ist dank der sogenannten Bäderregelung das Einkaufen am Sonntag für jedermann möglich.

Auch in Nordrhein-Westfalen sind bislang je nach Gemeinde zusätzlich zu den gesetzlichen vier noch bis zu 11 weitere verkaufsoffene Sonntage möglich:

Voraussetzung ist dabei immer, dass ein Anlass, wie z.B. ein Straßenfest oder eine Kirchweih vor Ort stattfindet. Besonders von großen Möbelhäusern kennt man die Jubiläumsfeste, die dann eine Ausweitung der Sonntagsöffnung möglichen machen.
Damit soll nun nach dem neuen Urteil Schluss sein.

Verkaufsoffener Sonntag: Wichtig oder überflüssig?

Verkaufsoffener Sonntag

Bild: Rawpixel.com / shutterstock

Gewerkschaften, Kirchen und viele Angestellten im Einzelhandel verbuchen das Urteil aus Münster als großen Erfolg. Die Sonntagsruhe und die Arbeitnehmerinteressen sind wichtig und besonders schützenswert. Viele Geschäfte verzichten gerne auf den zusätzlichen Umsatz am Sonntag, da sie die Verkäufer(innen) und den damit verbundenen Sonntagszuschlag nicht zahlen können oder wollen.

Andere ärgern sich aber auch: Junge Familien z.B., die sich auf den gemeinsamen Sonntagsausflug mit Einkaufsbummel, Kino- und Restaurantbesuch freuen. Stattdessen wieder nur Online-Shopping, Pizza-Service und Netflix.
Nicht alle Einzelhändler in Städten und Mittelzentren sind begeistert:
Verwaiste Innenstädte und Laden- und Kinosterben statt entspannte, kauffreudige Stadtbummler am freien Sonntag.

Restaurants und Cafés beklagen sich, weil sie in toten Innenstädten am Sonntag kaum Gäste anlocken können.

Einkaufen am Sonntag: Wie ist dies im Ausland geregelt?

In den meisten Ländern gibt es kein Ladenschlussgesetz wie in Deutschland. Im Ausland genießen wir es, am Sonntag durch belebte Innenstädte zu bummeln. In Luxemburg, den Niederlanden, Frankreich, Russland, Schweden, Spanien, Großbritannien, Schottland und Portugal, den USA, Kanada gibt es kaum Beschränkungen und es kann auch am Sonntag eingekauft werden. Zum Teil gibt es gerade für kleinere Geschäfte Ausnahmeregelungen, was deren Konkurrenzfähigkeit mit den großen Ketten steigern soll.

Verkaufoffener Sonntag: Pro und Contra

Auch hierzulande sind viele Befürworter der Meinung, dass damit die lokale Wirtschaft angekurbelt wird und gerade kleinere Läden enorm gewinnen. Insbesondere in kleineren Städten, in denen Pendler unter der Woche ohnehin nicht einkaufen können, kann ein verkaufsoffener Sonntag die Lebensqualität erhöhen. Viele Menschen shoppen ja gerade deshalb im Internet, weil dann, wenn sie Zeit haben, die Läden geschlossen sind. Der Besucheransturm und die guten Verkaufszahlen am verkaufsoffenen Sonntag sind ja ein Beweis, dass hier Bedarf herrscht. Sicher wird nicht jeder Laden vom verkaufsoffenen Sonntag profitieren. Je nach Branche gibt es hier sicher große Unterschiede. Gegner argumentieren, dass Geschäfte ohnehin unter der Woche viele Stunden geöffnet sind. Der Sonntag soll als allgemeiner kirchlicher Feiertag zur Erholung genutzt werden.

Wie zeitgemäß ist ein Verbot des verkaufsoffenen Sonntags?

Durch Homeoffice und Internet arbeiten wir alle zu unterschiedlichen Zeiten. Auch am Sonntag. Wir kaufen im Internet Tag und Nacht ein. Auch am Sonntag. Die meisten Angestellten sind trotzdem noch von Montag bis Freitag im Büro. Der Samstag wird für Besorgungen und Tätigkeiten im Haushalt genutzt. Der Sonntag ist für die Regeneration der Arbeitnehmer und für den Kirchgang vorgesehen und muss daher möglichst konsumfrei bleiben. So die Theorie. Wir wissen alle, dass es anders ist. Vielleicht orientieren wir uns in einigen Jahren an anderen Ländern und erlauben flexiblere Sonntagsöffnungszeiten? Vielleicht schaffen wir den verkaufsoffenen Sonntag aber auch komplett ab. Dank Online-Shopping wird trotzdem weiterhin jeder am Sonntag einkaufen können.

veröffentlicht von Redaktion

2 Comments

  1. […] Verkaufsoffene Sonntage stoßen natürlich nicht nur auf Gegenliebe. Für die Verkäuferinnen sind das Extraschichten. Sie werden andererseits gut dafür bezahlt. Die Kirchen wollen die Sonntagsruhe für die Bürger erhalten. Wenigstens ein Tag in der Woche soll, entsprechend dem christlichen Glauben, frei von Arbeit und Geschäften sein. Die Gewerkschaften, die die Interessen der Arbeitnehmer vertreten, unterstützen ebenfalls die Sonntagsruhe. […]

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  2. “die Wirtschaft wird durch verkaufsoffene Sonntage angekurbelt”
    Eines der Mantras des marktradikalen Schwachsinns. Denn jeder Euro kann nur einmal von einem Konsumenten ausgegeben werden. Ob Samstagabend 24 Uhr an der Tankstelle oder Dienstagmorgens um halb sechs in der Bäckerei, ist einfach wurscht. Die Konsumenten haben real seit etwa 1996 nicht mehr in der Tasche, weil schwache und korrupte Gewerkschaftsfunktionäre, die in den Ausichtsräten sitzen, keine Reallonerhöhungen durchsetzen wollten. Sie hatten ja, was sie brauchten, Luxusreisen und Nuttenbetreuung von den Unternehmen finanziert. Die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten ging zu Lasten der kleinen Ladenbesitzer,deren Umsätze und Gewinne zusammenschnurrten, weil sie die durch die Ladenöffnungszeiten verursachten Zusatzkosten nur durch Selbstaubeutung auffangen konnten, dazu noch die horrend gestiegenen Ladenmieten.Ergebnis: immer mehr prekäre Arbeitsverhältnisse! Deswegen kann das OLG Urteil nur begrüßt werden

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