Für kaum einen anderen Regierungschef nimmt sich Papst Franziskus so viel und so oft Zeit wie für Angela Merkel. Nicht nur in Zeiten einer zerstrittenen Staatengemeinschaft kommt ihr der Schulterschluss mit dem prominenten Partner sehr gelegen.

Angela Merkel und Papst Franziskus begegnen sich fast wie zwei alte Freunde. Sie begrüßen sich freundlich, lächeln sich an, dann sagt sie: «Danke, dass ich wieder hier sein kann.» Und die mächtige Bundeskanzlerin bekommt vom mächtigen Kirchenoberhaupt am Samstag das, was sie sich von dem Treffen im Vatikan erhofft hat: moralische Stärkung vor schwierigen G20-Auseinandersetzungen – und schöne Bilder mit dem allseits beliebten Kirchenführer mitten im Wahlkampf.

Gut 40 Minuten lang beraten Merkel und Franziskus über die großen Probleme dieser Welt. Die beiden haben auch schon länger miteinander geredet, kaum einem anderen Staats- oder Regierungschef schenkt der Papst so viel Zeit wie der Kanzlerin.

Bei vielen Themen stehen die beiden beieinander. Am Samstag würdigt der 80-Jährige die Kanzlerin besonders «für die Arbeit, die Sie für den Frieden tun» und überreicht ihr ein Medaille mit einem Olivenzweig. Einigkeit herrscht aber auch im Kampf gegen die Armut in Afrika und den Terrorismus, für den Klimaschutz und eine gemeinsame gute Entwicklung einer globalisierten Welt.

Gleich zu Beginn des Austauschs mit dem Pontifex holen Merkel die Geschehnisses des Vorabends ein. Da musste sie in Rom den Tod ihres seit langem schwer kranken Vorgängers Helmut Kohl kommentieren. Der Papst habe seine Anteilnahme ausgedrückt und Kohl als großen Staatsmann gewürdigt, sagt Merkel nun.

Doch die deutsche Regierungschefin nimmt mit dem Papst vor allem die Zukunft in den Blick, breitet vor Franziskus ihre Agenda für den Gipfel der 20 großen Industrie- und Schwellenländer Anfang Juli in Hamburg aus. Die gehe davon aus, «dass wir eine Welt sind, in der wir multilateral zusammenarbeiten wollen», sagt Merkel. Damit liegt sie ganz auf der Linie von Franziskus – und es ist erneut eine Spitze gegen US-Präsident Donald Trump, der mit seinem Abschottungskurs wesentliche Ziele Merkels gefährdet.

Als sie von der mittlerweile vierten Privataudienz bei Franziskus berichtet, wählt Merkel Worte, die vom Pontifex, dem Brückenbauer, selbst stammen könnten. Sie wolle sich einsetzen für «eine Welt, in der wir keine Mauern aufbauen wollen, sondern Mauern einreißen wollen», sagt sie. «Und in der alle gewinnen sollen an Wohlstand, an Reichtum, an Ehre und Würde des Menschen.» Auf dieser Basis werde man in Hamburg auch über die Weltwirtschaft und die Herausforderungen des Terrorismus diskutieren.

Dass Merkel den Kampf gegen die Armut in Afrika zum G20-Schwerpunkt erklärt, dürfte den Argentinier besonders freuen. Er versteht sich als Stimme der Schwachen und will die Kirche in eine Kirche der Armen verwandeln. Merkel sagt: «Er hat mich ermutigt, auf diesem Weg weiter zu gehen. Genauso, wie für internationale Abkommen zu kämpfen.» Ausdrücklich nennt die Kanzlerin das Pariser Klimaabkommen, aus dem die USA unter Trump «bedauerlicherweise» ausgestiegen seien. «Insgesamt war es für mich ein sehr ermutigendes Gespräch, den Weg der Gemeinsamkeit trotz aller Herausforderungen weiterzugehen.»

Merkel will «versuchen, Schritt für Schritt auch Erfolge für die gesamte Weltgemeinschaft zu erzielen». Der Satz lässt aufhorchen: Noch vor wenigen Tagen hatte die Kanzlerin in Argentinien und Mexiko hoch und heilig beteuert, die ihr von manchem wegen der Politik Trumps unterstellte Rolle als neue «Führerin der freien Welt» komme ihr nicht zu. Kein Regierungschef und kein Staat alleine könne solch hohe Erwartungen erfüllen. Und nun betont Merkel regelrecht: Ihr Einsatz komme der gesamten Welt zugute.

Bei so viel großer Politik kommt der traditionelle Geschenkeaustausch am Ende der Privataudienz fast zu kurz. Dabei bringt Merkel dem Papst aus Argentinien von ihrer Reise nach Buenos Aires Leckereien aus der Heimat mit. Drei ziemlich große Gläser «Dulce de Leche» – das ist ein karamellartiger Brotaufstrich, den der Heilige Vater liebt. Dazu: Alfajores, mit Schokolade umhüllte Kekse.

Franziskus hat für Merkel neben dem Olivenzweig drei in rot gebundene Ausgaben päpstlicher Lehrschreiben, sicher als Fingerzeig gedacht: deutsche Ausgaben seiner Enzykliken, die sich mit Familie, Umwelt- und Klimaschutz beschäftigen. Und vielleicht, damit Merkel angesichts von Trump und anderen schwierigen Verhandlungspartnern nicht die Hoffnung verliert: die Lehrschrift «Licht des Glaubens».

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veröffentlicht von Redaktion

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