Wenn Arbeitskosten stärker steigen als bei der Konkurrenz, muss das kein Nachteil sein. Das zumindest ist das Fazit gewerkschaftsnaher Ökonomen nach einer Analyse von EU-Daten vieler Jahre.

Die deutsche Wirtschaft kann sich nach Ansicht gewerkschaftsnaher Konjunkturforscher zurzeit überdurchschnittliche Lohnerhöhungen durchaus leisten. Diese seien sogar vorteilhaft für den Konsum im Inland und die Handelsbeziehungen zu den EU-Nachbarn, heißt es in einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). «Die Arbeitskosten steigen in Deutschland schneller als anderswo, und das ist auch gut so», sagte IMK-Direktor Gustav Horn am Montag in Berlin. Das IMK gehört zur Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Nach dem Beginn der Währungsunion Ende der 90er Jahre habe es in Deutschland ein Jahrzehnt lang die schwächsten Lohnsteigerungen gegeben. «Das war wie eine permanente Abwertung im Vergleich zu den anderen Eurostaaten», erläuterte Horn. Deutschland verzeichnete nach der Analyse des IMK von 2001 bis 2017 in der EU den drittniedrigsten Anstieg bei den Arbeitskosten – pro Jahr waren es im Durchschnitt 2,1 Prozent. Nur Griechenland mit einem Wert von 0,6 Prozent und Portugal mit 1,5 Prozent lagen noch darunter.

Die Kosten für eine Arbeitsstunde haben sich nach früheren Berechnungen des Statistischen Bundesamtes im Vergleich zum Vorjahr um 2,1 Prozent erhöht. Dabei stiegen die Bruttolöhne mit einem Plus von 2,2 Prozent stärker als die Lohnnebenkosten wie zum Beispiel Lohnfortzahlungen oder Sozialabgaben, die insgesamt um 1,8 Prozent zulegten.

2016 waren die deutschen Arbeitskosten noch stärker um 2,8 Prozent geklettert. Steigende Gehälter und Lohnnebenkosten machen Beschäftigung aus der Sicht der Firmen teurer. Steigen die Arbeitskosten schneller als die Produktivität, neigen Unternehmen dazu, Jobs abzubauen und stattdessen mehr Kapital einzusetzen. Sie investieren dann etwa in Automatisierung. Steigende Gehälter sind indes auch Ausdruck der weiterhin guten Konjunktur und wirtschaftlichen Stärke hierzulande.

Horn argumentiert: «Das trägt dazu bei, den Euroraum stabiler zu machen» und stärke die Binnennachfrage als Säule der Konjunktur in einem Umfeld, das in Zeiten von Trump und Brexit «alles andere als stabil ist». Er fügte hinzu: «Jetzt wächst die deutsche Wirtschaft solide, und das nicht trotz, sondern wegen der etwas stärkeren Zunahme bei den Löhnen», fügte Horn hinzu. Überdurchschnittliche Steigerungsraten bei den Arbeits- und Lohnstückkosten in Deutschland sollte es nach Auffassung des IMK noch «mehrere Jahre» geben. «Denn die Fehler der Vergangenheit sind noch nicht korrigiert», sagte Horn.

Die Daten zeigten, dass es in einer großen Volkswirtschaft aussichtslos sei, einseitig auf Erfolge beim Export zu setzen. Durch eine entsprechend schwächere Binnennachfrage gingen unterm Strich Wachstum und Beschäftigung verloren. So habe die Zahl der Arbeitnehmer mit Sozialversicherungspflicht von 2000 bis 2008 um 130 000 Menschen abgenommen bei einem Plus der geringfügig entlohnten Beschäftigten um 650 000. In den folgenden acht Jahren seien die Reallöhne wieder gestiegen und zugleich rasant die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen – um 4,5 Millionen.

veröffentlicht von Redaktion

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