FRANKFURT (dpa-AFX) – Schon vier Mal hat die US-Notenbank seit dem Beginn ihres Ausstiegs aus dem Krisenmodus der Geldpolitik ihren Leitzins angehoben – und noch dieses Jahr will sie mit dem Abbau ihrer billionenschweren Wertpapierbestände beginnen. Während die Fed ihre Geldpolitik strafft, ist bislang noch keine andere führende Notenbank gefolgt. Doch jetzt sehen Ökonomen eine globale Zinswende in Sicht. An den Finanzmärkten wird bereits lebhaft spekuliert, welche Notenbank als erste in die Fußstapfen der Fed treten könnte.

EURORAUM: Aktuell sorgt vor allem die Europäische Zentralbank (EZB) für Aufsehen. Viele Anleger rechnen damit, dass die Notenbank schon bald ihr milliardenschweres Wertpapierkaufprogramm reduzieren könnte. Denn vor einer Woche hatte sich EZB-Chef Mario Draghi sehr optimistisch zur Euro-Wirtschaft geäußert. Außerdem sei die jüngste Abschwächung der Inflation voraussichtlich ein vorübergehendes Phänomen, sagte Draghi. Die Gemeinschaftswährung legte seither rasant um über zwei Prozent zu und die Renditen an den Anleihemärkten stiegen kräftig. Inzwischen gibt es immer wieder Verlautbarungen aus dem EZB-Umfeld, die Reaktionen auf Draghis Rede seien übertrieben. An den Markterwartungen geändert hat das jedoch nichts.

GROSSBRITANNIEN: Hier rechnet manch einer schon in den kommenden Monaten mit einer Zinsanhebung. Eine gewisse Rückführung der geldpolitischen Unterstützung könnte notwendig werden, sagte der Chef der Bank of England (BoE), Mark Carney, vergangene Woche. Doch sicher ist nichts, denn die BoE steckt in der Klemme. Das Brexit-Votum hat inzwischen Bremsspuren in der britischen Wirtschaft hinterlassen. Das Wachstum lahmt, die Verbraucher sind pessimistisch, die Exporte schwächeln, die Reallöhne sinken und die Briten sparen immer weniger. Gleichzeitig treibt das geschwächte Pfund die Inflation nach oben. Bleibt die BoE auf Lockerungskurs, riskiert sie noch stärker steigende Preise. Rückt sie davon ab, könnte sie die Wirtschaft abwürgen.

SCHWEDEN: Einige Beobachter rechneten bei der Zinsentscheidung der Schwedischen Reichsbank am Dienstag mit einem Signal für den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik. Denn die schwedische Wirtschaft entwickelt sich robust und die EZB-Spekulationen dürften auch beim Euro-Anrainer Schweden aufmerksam verfolgt werden. Dennoch blieb die älteste Notenbank der Welt eher vorsichtig. Immerhin zeigten sich die Währungshüter positiv überrascht über die jüngste Inflationsentwicklung. Zudem seien Risiken aus dem Ausland zuletzt gesunken. Eine weitere Reduzierung des Leitzinses sei zwar weniger wahrscheinlich geworden; eine Anhebung vor Mitte 2018 sei aber nicht zu erwarten.

TSCHECHIEN: Die tschechische Notenbank ist zwar einer der kleinen Spieler in der globalen Geldpolitik, sie gilt aber derzeit als einer der Spitzenkandidaten für eine baldige Zinsanhebung. Denn die tschechische Wirtschaft wächst kräftig, der Arbeitsmarkt boomt und die Inflation hat deutlich zugelegt. Bei ihrer jüngsten Sitzung vergangene Woche stellten die Notenbanker eine baldige Zinsanhebung in Aussicht; und das trotz einer kräftigen Aufwertung der tschechischen Krone seit der Aufhebung eines Mindestwechselkurses gegenüber dem Euro im April. Den Mindestkurs hatten Tschechiens Währungshüter vor über drei Jahren zum Schutz der heimischen Exportwirtschaft sowie zur Vermeidung einer Deflation eingeführt.

KANADA: Hier gilt bereits die nächste Notenbanksitzung Mitte Juli als möglicher Termin für eine Zinsanhebung. Zwar ist die Inflation in Kanada zuletzt gesunken. Aber es gehe nicht so sehr um die momentane, sondern um die künftige Entwicklung, sagte Notenbankchef Stephen Poloz dem Handelsblatt (Dienstagausgabe). „Wenn wir nur auf die Inflation schauen und darauf reagieren, würden wir unser Inflationsziel nie erreichen und wären immer zwei Jahre zu spät.“ Wenn die Kanadier jetzt die Zinsen anheben, wäre es nicht das erste Mal seit der Finanzkrise. Bereits 2010 hatten sie eine Straffung gewagt, mussten dann aber wegen des Verfalls der Ölpreise zurückrudern. Denn Kanadas Wirtschaft ist stark von der Ölindustrie abhängig.

JAPAN: Trotz negativer Leitzinsen und einer beispiellosen Geldflut verfehlen die japanischen Währungshüter seit Jahren ihr Inflationsziel. Ein Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik wird daher laut Notenbankchef Haruhiko Kuroda nicht einmal diskutiert. Und dennoch: Fast unbemerkt haben die Japaner ihre Geldschwemme zuletzt reduziert. Statt der offiziell angepeilten 80 Billionen Yen (gut 622 Milliarden Euro) pro Jahr habe die Notenbank in den drei Monaten bis Mai auf das Jahr hochgerechnet nur 30 Billionen Yen für Wertpapierkäufe ausgegeben, heißt es in einer Studie der britischen Denkfabrik Pantheon. Man beginne einfach den Ausstieg aus der Geldschwemme, ohne groß darüber zu reden. Das ist möglich, weil die Notenbanker den Anlegern gleichzeitig ein bestimmtes Rendite-Niveau am Anleihemarkt versprechen. Solange dies erfüllt ist, stört sich niemand an den verringerten Käufen./tos/bgf/stb

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veröffentlicht von Redaktion

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