Es war wie ein Naturgesetz: Der Hamburger SV spielt in der Fußball-Bundesliga. Fußballerisch ist die Millionen-Metropole an der Elbe zweitklassig. Doch die Stadt ist bei aller Trauer der HSV-Fans nicht tief erschüttert. Denn: Hamburg ist mehr als nur der HSV.

In Hamburg ist die übliche Geschäftigkeit zurückgekehrt. Eine Woche war die Hansestadt im Ferienmodus. Am Montagmorgen fließt der Verkehr rund um die Alster wieder nur zäh, und die Einkaufsstraßen in der City füllen sich allmählich. Die sommerliche Sonne tut alles, um die «schönste Stadt der Welt», wie die Einwohner gerne ihr Hamburg bezeichnen, noch schöner erscheinen zu lassen. Alles wie immer und doch anders: Hamburg ist nicht mehr erstklassig – fußballerisch.

Seit Samstag ist der Hamburger SV abgestiegen. Der HSV in der Fußball-Bundesliga – das zählte zu den Naturgesetzen im deutschen Sport. «Ich habe nie gedacht, dass der HSV, solange ich lebe, einmal absteigen würde», sagte das 81 Jahre alte Club-Idol Uwe Seeler.

55 Jahre war Hamburg Bundesliga-Standort, jetzt ist die 1,7 Millionen-Metropole nur noch Zweitliga-Standort. Beschönigend kann man auch sagen: eine Zweitliga-Hochburg. Schließlich ist neben dem HSV auch der Stadtrivale vom Kiez, der FC St. Pauli, dabei.

Die Abstiegstrauer unter den HSV-Fans war und ist groß, doch tiefe Erschütterung ist in der Stadt nicht spürbar. Dazu war das Unhappy End nach fünf Jahren Dauerabstiegskampf zu erwartbar. Schon lange war der Club nicht mehr ein Aushängeschild der Stadt.

«Hamburg, meine Perle» heißt die Hymne und Liebeserklärung von HSV-Vorsänger Lotto King Karl an die Stadt und ihren Verein. Den Glanz Hamburgs verleihen längst andere Institutionen als der HSV: die Elbphilharmonie mit ihren stets ausverkauften Konzerten, die Reeperbahn, der Hafen, die Alster, die Musicals oder der Elbstrand sind Hamburgs Trümpfe im internationalen Marketing-Spiel.

Der HSV und sein Umfeld hingen hingegen der ruhmreichen Vergangenheit mit Uwe Seeler, Felix Magath, Kevin Keegan, Horst Hrubesch oder Manfred Kaltz zu lange nach. Immerhin gelang der Mannschaft unter Trainer Christian Titz in den vergangenen Wochen ein Abschied mit Anstand und etlichen Sympathiepunkten. Nur eine geringe Zahl an Randalierern am Samstag, die bildmächtig Pyrotechnik und Böller zündeten, hinterließ einen dunklen Punkt bei einem würdevollen Abgang.

Für das Image Hamburgs als Sportstadt ist der Abstieg in jedem Fall ein Schlag. Auch wenn Bürgermeister Peter Tschentscher dies von Amts wegen zurückweist. «Der Fußball ist ein populärer Sport. Aber wir haben Veranstaltungen wie das weltbekannte Spring-Derby. Wir haben andere Sportarten, bei denen wir international sehr beachtet werden», sagte der SPD-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Deshalb glaube er, «passt weiterhin der Titel Active City, wie wir das nennen, oder Sportstadt Hamburg».

Doch schon die am Bürgervotum 2015 gescheiterte Olympia-Bewerbung hatte das Selbstverständnis von Hamburgs Stadtoberen erschüttert. Nach dem HSV-Absturz ist die zweitgrößte Stadt Deutschlands nunmehr in keiner der bedeutenden Team-Sportarten Fußball, Handball, Eishockey, Basketball oder Volleyball erstklassig vertreten.

Zu den großen Spitzensport-Veranstaltungen in der Stadt zählen allenfalls die Cyclassics im Radsport, die World Triathlon Series, der Ironman, das deutsche Spring-Derby oder das Galopp-Derby. Die bekanntesten aktiven Sportstars sind die Beachvolleyball-Olympiasiegerinnen Kira Walkenhorst und Laura Ludwig.

Wirtschaftlich halten sich die Folgen für die Stadt in Grenzen. Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) beziffert den Einkommens- und Beschäftigungseffekt durch den HSV als Erstligist auf rund 100 Millionen Euro oder rund 700 bis 800 Arbeitsplätze. Der HWWI-Ökonom Henning Vöpel erwartet einen Verlust von 30 Millionen Euro Wertschöpfung für Stadt und Verein im ersten Zweitliga-Jahr, in einem möglichen zweiten von 50 Millionen Euro.

Diese Einbußen sind angesichts von Gesamtumsätzen der Tourismusbranche von rund 6,0 Milliarden Euro – ganz nüchtern betrachtet – als gering zu bewerten. Auch die kolportierten 5000 Hotel-Übernachtungen pro HSV-Heimspiel haben an den erwarteten 14 Millionen Übernachtungen 2018 lediglich einen Anteil von 0,35 Promille.

Die Befürchtung, dass andere Attraktionen in Hamburg wie die Elbphilharmonie den Sport in den Schatten stellen könnten, sieht Bürgermeister Tschentscher nicht. «Das steht nicht gegeneinander. Das eine ergänzt das andere», meinte der Senats-Chef. «Also Sport und Musik sind Dimensionen, die neben dem harten Arbeiten in der Wirtschaft, der Wissenschaft Lebensqualität, Lebensmut und Optimismus vermitteln.»

Das sei etwas, «was uns als Hansestadt seit Jahrhunderten ausmacht», sagte er weiter: «Ein positiver Blick auf die Zukunft, keine Jammer-Haltung, sondern Optimismus zu vermitteln.» Das dürften staugeplagte Pendler kaum glauben, die seit Jahren in und um Hamburg in Baustellen-Staus stecken. Vielen fällt der Umstieg schwer – auf die von der rot-grünen Stadtregierung ausgerufene «Fahrradstadt Hamburg».

Umdenken müssen auch die HSV-Fans: Sie müssen sich – mindestens für ein Jahr – an die Wortkombination Zweitligist Hamburger SV gewöhnen. Spätestens am 2. August gilt es dann auch für die hartgesottensten unter ihnen, die Realität zu akzeptieren. Dann beginnt die Saison in der 2. Bundesliga – und die Gegner heißen Heidenheim, Sandhausen und Regensburg.

veröffentlicht von Redaktion

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