In weniger als vier Monaten, am 29. März 2019, soll es so weit sein – dann ist geplant, dass das Vereinigte Königreich die Europäische Union verlässt. Bereits knapp drei Jahre zuvor, am 23. Juni 2016, kam es mit dem „Brexit“ zu dem zuvor unvorstellbaren politischen Ereignis: In einem Referendum stimmten 51,89 % der Bürger des Vereinigten Königreichs für den Austritt aus der EU und setzten damit eine Vielzahl an Diskussionen in Gang. Bis heute sind noch zahlreiche Themen offen – sowohl EU-Bürger als auch Politiker und Fachexperten weltweit beschäftigt vor allem die Frage, welche Folgen durch den Brexit zu erwarten sind. Besonders die künftige Finanzpolitik ist dabei von Interesse und regt zu Gedankenexperimenten an – nicht nur innerhalb der Eurozone.

Weltweite Finanzpolitik – Szenarien abgespaltener Währungen

Das Vereinigte Königreich macht es vor, doch wie sähen die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen aus, entschieden sich weitere Regionen zu einem solch radikalen Schritt und im Zuge dessen für eine eigene, unabhängige Währung? Diesem spannenden Szenario widmete sich das in London ansässige FinTech-Unternehmen IG in einer umfangreichen Analyse zum Thema „Abgespaltete Währungen“.

Aufbau und Ablauf der Studie

In Zusammenarbeit mit Dr. Robert Hancké, Professor für Wirtschaftspolitik an der London School of Economics, analysierten die IG-Experten insgesamt neun verschiedene Regionen, für welche die Einführung einer eigenen Währung zum jetzigen Zeitpunkt denkbar wäre. Jeder von ihnen wurde eine potenzielle neue Währung zugeordnet:

  • London à Londoner Pfund
  • Deutschland à Neue D-Mark
  • Sizilien à Neue sizilianische Lira
  • Puerto Rico à Neuer puerto-ricanischer Peso
  • Michigan à Michigan Dollar
  • Sao Paulo à Sao Paulo Real
  • Westkap à Kap Rand
  • Karnataka à Karnataka Rupie
  • Innere Mongolei à Neuer Innermongolischer Tugrik

Obgleich sich die untersuchten Regionen stark unterscheiden, standen für alle folgende Fragen im Mittelpunkt:

  • Warum und inwieweit denkt die entsprechende Region tatsächlich über die Einführung einer eigenen Währung nach?
  • Welche Auswirkungen hätte das auf die Region selbst sowie die ihr übergeordnete Region?

Grundlegende Erkenntnisse der Studie

Betrachtet man die Regionen hinsichtlich ihrer finanzpolitischen Lage, so lassen sich diese grob in zwei Gruppen einteilen. Während einige Regionen von der Einführung einer eigenen Währung profitieren würden, erwiese sich die Abspaltung von der jeweiligen aktuellen Währung für andere als gravierender Fehler. Dies ist vor allem durch die entsprechende Ausgangslage bedingt.

Fernab der Eurozone – London mit Londoner Pfund

Mit dem Vereinigten Königreich als übergeordnete Region war London auch vor der Einleitung des folgenreichen Brexits kein Mitglied der Eurozone – bezahlt wurde und wird hier mit britischem Pfund (GBP). In ihrer Analyse gehen die Experten jedoch einen Schritt weiter: Was passiert, würde sich die Metropole vom restlichen Königreich abspalten und die neue Währung Londoner Pfund einführen?

London – Ausgangslage und Gründe für eine Abspaltung

Grundsätzlich gilt London als Region mit starker Ausgangssituation, die von verschiedenen Säulen getragen wird:

  • Universitäten: Die britische Metropole verfügt über eine Vielzahl an Universitäten, die gut ausgebildete Akademiker zutage bringen und somit die Wirtschaftskraft steigern.
  • Sitz der britischen Regierung: London bildet Regierungszentrum des Vereinigten Königreichs.
  • Internationale Touristen: Die Stadt an der Themse weist im Vergleich zu allen anderen britischen Städten die höchste Anzahl an internationalen Besuchern auf.

Aus dieser wirtschaftsstarken Position heraus und bedingt durch die Unzufriedenheit mit der implizierten Steuerumverteilung in Großbritannien, könnte es Londonern als lukrativ erscheinen, eine eigene Währung einzuführen. Weiterhin könnten sie somit näher an der EU bleiben, ohne auf ihre eigene Währung zu verzichten – und das, entgegen der Brexit-Entscheidung.

Auswirkungen des Londoner Pfund

Die wohl deutlichste Veränderung, die sich mit Einführung des Londoner Pfund zeigen würde, wäre der stark ansteigende Einkommens- und Wohlstandsstatus der Stadt. Auch würde die neue Währung schnell an Wertigkeit gegenüber anderen Währungen gewinnen. Jedoch sind nicht alle Auswirkungen auf die Stadt als positiv für die Wirtschaftskraft einzuordnen – London könnte seine Währungsunabhängigkeit z. B. mit sinkender Exportwettbewerbsfähigkeit bezahlen.

Für die übergeordnete Region Vereinigtes Königreich hätte das Londoner Pfund weitaus gravierendere Folgen. Die gesamte britische Volkswirtschaft sähe sich demnach in einer finanzpolitischen Krise – selbst wenn der Rest des Landes geschlossen agieren würde, könnte es sich mit dem Wegfall Londons nicht gegen die globale Konkurrenz behaupten.

Deutschlands Rückkehr zur D-Mark?

Angesichts der enormen Folgen des Brexits, sowohl für das Vereinigte Königreich selbst als auch für die Eurozone, stellt sich die Frage, inwieweit sich ein vergleichbares Vorgehen in und auf Deutschland auswirken würde.

Deutschland – Ausgangslage und Gründe für eine Abspaltung

Eine Abspaltung Deutschlands von der derzeitigen Währung Euro erscheint vor der aktuellen Ausgangslage als ebenso machbar wie der Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU. Als Gründe für den Wunsch nach einer eigenen Währung könnten folgende angeführt werden:

  • „Opfer“ des Euros: Der starke Euro führt zu großer Verantwortung. Vielen Bundesbürgern entsteht der Eindruck, sie seien zur Unterstützung schwächerer Volkswirtschaften gezwungen. Mit einer eigenen Währung ließen sich diese Pflichten umgehen.
  • Stärkste Wirtschaftsregion: Deutsche Produkte sind weltweit sehr gefragt, wodurch dem Land eine bedeutende Rolle in der Eurozone zuteilwird – die Annahme: durch die Neue D-Mark ließe sich diese Position noch ausbauen.

Auswirkungen der Neuen D-Mark

Wie die Analyse zeigt, zöge eine Abspaltung Deutschlands von der Eurozone vorwiegend negative Folgen nach sich. Zum einen könnte dadurch eine erneute Rezession ausgelöst werden, die besonders der traditionellen deutschen Exportindustrie zusetzen würde. Zum anderen hätte die Neue D-Mark enormen Einfluss auf das Bestehen bzw. Nicht-Bestehen des Euros – als stärkste Wirtschaftsregion der Eurozone trüge Deutschland die Verantwortung für die entstehende Instabilität.

Abgespaltene Währungen – riskant oder vorteilhaft?

Wie sich im Vergleich aller analysierten Regionen zeigt, ist die Abspaltung von der jeweiligen Währung nicht immer nur vorteilhaft. Selbst wirtschaftsstarke Regionen wie Deutschland oder London müssten mit erheblichen Risiken rechnen – zum Teil beziehen sich diese zwar nur auf die entsprechende Region, in den meisten Fällen jedoch betreffen die Auswirkungen mindestens auch die übergeordnete Region. Anhand des Beispiels Brexit wird deutlich, wie schwer es ist, mit den teils schwer definierbaren Folgen umzugehen. Dass die beschriebenen Szenarien zur Realität werden, ist daher nur bedingt wahrscheinlich.

veröffentlicht von Sanja

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.