Fast 200 Brauereien gibt es im Südwesten. Ministerpräsident Kretschmann ist nun ein Jahr lang ehrenamtlicher Bier-Botschafter. Er selbst will den beliebten Gerstensaft vor allem bei einer Gelegenheit genießen.

Politiker bekommen zuweilen seltsame Ehrungen und Titel. Vor einem Jahr wurde ein Kaktus nach Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann benannt. Seit Donnerstag ist der 69 Jahre alte Grünen-Politiker auch Bier-Botschafter des Deutschen Brauer-Bundes. Dessen Präsident, Jörg Lehmann, würdigt Kretschmann als «engagierten Umwelt- und Wirtschaftspolitiker». «Er hat seinen eigenen Kopf und einen klaren Kurs.» Kretschmann und der bisherige Bier-Botschafter, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), antworten bei der Verleihung des Titels in Berlin mit launigen Reden.

«Das ist eines der schönsten Ämter, das in Deutschland vergeben wird», meint Lammert. Bier helfe auch über Frust und Enttäuschung hinweg. Lammert schlägt einen Bogen zu dem Video, das offenkundig heimlich beim Bundesparteitag der Grünen vor rund zwei Wochen in Berlin aufgenommen wurde und das einen Wutausbruch Kretschmanns dokumentiert. «Man sieht Ihnen geradezu an, wie dringlich Ihnen ein Glas Bier gefehlt hat, um über den Kummer hinwegzukommen, den Ihnen die eigenen Parteifreunde da offenkundig zugefügt haben.»

Diese humorige Vorlage greift Kretschmann gerne auf. «Ich werde mir das zu Herzen nehmen, dass ich manchmal vielleicht vorher ein Bier trinke auf Parteitagen, damit ich nicht ausraste.» Er räumt ein, dass ihm einiges in Sachen Bier fremd ist. So könne er den Kult beim Fassanstich auf dem Stuttgarter Wasen nicht verstehen. «Egal ob ich drei oder sieben Schläge brauche: Es ist da nicht mehr Bier drin.»

Bier – damit werden eigentlich konservative Stammtische und eher CDU-Politiker als Grüne in Verbindung gebracht. Kretschmann, der manchen ohnehin als Schwarzer im grünen Gewand gilt, trinkt nach eigenem Bekunden gerne Bier. Vor elf Jahren gestand er – damals noch Oppositionspolitiker – in einem Interview, über eine bestimmte Phase seiner Jugend «viel gesoffen» zu haben. «Mein Rekord waren 18 Liter Bier an einem Fastnachtsdienstag.»

Die Zeiten sind für Kretschmann vorbei. In Baden-Württemberg setzt er mit seiner grün-schwarzen Regierung gerade durch, dass die Kommunen ab Herbst Alkoholkonsumverbote an öffentlichen Plätzen erlassen dürfen, um Anwohner vor Lärm und Dreck durch Saufgelage zu schützen.

Nach Angaben des Deutschen Brauer-Bundes gibt es in Deutschland rund 1400 Brauereien – die meisten mit 624 in Bayern, danach kommt schon Baden-Württemberg mit 195. Rein statistisch gesehen trinkt jeder Bürger jährlich 104 Liter Bier. Die Branche beschäftigt mehr als
27 000 Menschen.

Mit dem Ehrenamt des Bier-Botschafters sind zwar keine konkreten Pflichten verbunden. Der Brauer-Bund hofft aber, dass der Auserkorene eine besondere Sensibilität für die Branche entwickelt, wie es heißt. Das Internetportal «Spiegel-Online» bemerkt dazu kritisch: «Nichts gegen Bier, aber ein Ministerpräsident sollte sich nicht zum Werbeclown degradieren lassen.»

Auf Kretschmann wartet unterdessen schon die nächste Ehrung. An diesem Freitag (30.6.) nimmt er in Neuenburg am Rhein südlich von Freiburg den diesjährigen «Markgräfler Gutedelpreis» entgegen. Die «Markgräfler Gutedelgesellschaft», ein gemeinnütziger Verein zur Kulturförderung, will damit nach eigenen Angaben Kretschmanns persönliche Integrität und Glaubwürdigkeit ehren. Der Preis ist mit 225 Litern Wein dotiert, der in einem Holzfass überreicht wird.

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veröffentlicht von Redaktion

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