In puncto Elektroauto gilt Deutschland als Entwicklungsland. Das verwundert umso mehr, als dass es hierzulande eine große Tradition nicht nur mit Elektromotoren, sondern auch mit E-Autos gibt. Ab den 1890er Jahren gab es 30 deutsche E-Autobauer, der Elektroantrieb hatte damals noch ähnliche Chancen wie kraftstoffbetriebene Motoren. Doch im 21. Jahrhundert zieht die Welt bei der Elektromobilität an Deutschland vorbei.

 

Zulassungen von Elektroautos in Deutschland

Die Zulassungszahlen von E-Autos trotz Förderprämie ernüchtern, und zwar nicht nur hinsichtlich des Anteils am Gesamtmarkt (reine Stromer: nur knapp 0,7 % bei 22.339 Fahrzeugen), sondern auch hinsichtlich des Rankings der gekauften Elektro-Pkw:

  • Renault Zoe: 1.836 Fahrzeuge
  • Tesla Model S: 978 Fahrzeuge
  • Nissan Leaf: 733 Fahrzeuge
  • E-Golf: 548 Fahrzeuge

Das verwundert nicht unbedingt, wenn man sich die wichtigste Leistung der Modelle anschaut: die Reichweite. Die jüngste Modellvariante des Renault Zoe schafft inzwischen 400 km, es könnten mit verbesserter Akkutechnik noch mehr werden. Der E-Golf bringt es bislang auf 190 km, ab 2017 sollen es 300 km sein. Nun fragt sich ein umweltbewusster Leser, ob es die vielleicht 100, vielleicht auch 200 km mehr beim Renault Zoe versus E-Golf (zwei Fahrzeugen derselben Preis- und Leistungsklasse) wirklich ausmachen. Die Antwort lautet: Ja, sie machen es aus. Vor allem in Deutschland fragt sich der begeisterte E-Auto-Interessent, ob er bei 190 km Reichweite von einer Ladestation zur nächsten kommt. Denn die deutsche Lade-Landkarte weist große weiße Flecken aus. Das Aufladen an öffentlichen Stationen kann vor allem in ländlichen Regionen heikel werden. Die flächendeckende Infrastruktur fehlt in Deutschland und gilt neben der geringen Reichweite preiswerter deutscher E-Autos als Hauptgrund für das schleppende Vorwärtskommen der deutschen Elektromobilität. In der Verantwortung stehen hierbei die Hersteller: Sie hatten sich in Statements immer wieder verpflichtet, nicht nur die Autos zu bauen, sondern auch in die Infrastruktur zu investieren. Die Fehlentwicklungen führen nun zum absurden Zustand, dass die deutsche E-Auto-Kaufprämie floppt: Bis zum 01.01.2017 stellten nur 9.023 Käufer einen Antrag auf diese Prämie, die es seit dem 02.07.2016 gibt. Es handelt sich immerhin um eine Subvention von 4.000 Euro für ein rein elektrisch getriebenes Fahrzeug, für Hybride gibt es immer noch 3.000 Euro. Staat und Industrie wollten für den Zuschuss reichlich Geld in die Hand nehmen, das niemand haben will. Deutschland ist seit Einführung dieses Zuschusses sogar noch weiter im europäischen Vergleich zurückgefallen. Auch gegenüber den deutschen Vorjahreszahlen gab es einen leichten Rückgang. In anderen Ländern hingegen boomt das Elektroauto:

  • Die Steigerung in Frankreich betrug 55 %.
  • In Großbritannien wurden 32 % mehr Elektroautos verkauft.
  • In Schweden steigerten sich die Verkaufszahlen gar um 73 %, dort sind schon 3,1 % aller Neuzulassungen reine E-Autos.
  • Auch der EU-Durchschnitt plus Schweiz und Norwegen liegt mit 17 % Zuwachs deutlich über den deutschen Zahlen. Nur in Dänemark und den Niederlanden gab es einen rückläufigen Absatz, doch dort fielen 2016 staatliche Vergünstigungen weg, während sie in Deutschland gerade erst eingeführt worden waren.

 

Expertenanalyse zu deutschen Elektroautos

Dass die geringe Reichweite der deutschen E-Autos ihr größter Nachteil ist, beurteilen Experten einheitlich auf diese Weise. Stefan Bratzel vom CAM (Center of Automotive Management) konstatiert, dass keine Kaufprämie einen ausreichend hohen Anreiz gegen eine geringe Reichweite bietet. Daher dominiert bei den Neuzulassungen der französische Renault Zoe, der dennoch hierzulande kein Verkaufsschlager ist. Ein Renault kommt nämlich gegen das sonstige Image deutscher Marken nicht an. Er gilt als reparaturanfällig und teuer im Unterhalt, bei den kraftstoffgetriebenen Pkw-Modellen ist sein Marktanteil in Deutschland gering. Potenzielle deutsche Kunden würden gern ein deutsches E-Auto zum Beispiel von Mercedes oder BMW kaufen, wenn es reichweitenstark und dabei erschwinglich wäre. Das sind die entsprechenden Fahrzeuge – etwa der BMW i3 (485 Neuzulassungen in 2016) oder der Mercedes B-Klasse (261 Neuzulassungen) aber leider nicht. Sie leisten als E-Auto zu wenig und sind dabei zu teuer. Der BMW i3 und der E-Golf kosten rund 35.000 Euro in der Grundvariante, der Mercedes B-Klasse rund 40.000 Euro, ein Renault Zoe ab 22.100 Euro (ohne Akku). Da hilft auch die deutsche Kaufprämie nicht weiter. Deutsche Experten empfehlen gar, diese wieder abzuschaffen. Dieses Geld könne auch in die Ladeinfrastruktur fließen.

 

Fehlpolitik der deutschen Autoindustrie

Die deutschen Automanager haben das Fiasko maßgeblich mitverursacht. Reporter des “Stern” deckten ihre Interventionen bei deutschen Ministerien auf: Sie verhinderten eine noch höhere Kaufprämie für die Elektro-Autos, welche die deutsche Regierung ursprünglich ausschütten wollte. Dabei hatten sich die Politiker am Ausland orientiert: In Frankreich gibt es bis 10.000 Euro als Subvention und Steuererleichterung für ein reines Stromfahrzeug, in den USA fallen die Steuervergünstigungen ähnlich hoch aus. Darüber hinaus verhindert die deutsche Autolobby seit Jahrzehnten die Einführung eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen. Damit werden auch E-Autofahrer zu Geschwindigkeiten über 130 km/h verleitet, die ihren Akku blitzschnell leersaugen. Vier Faktoren spielen damit auf prekäre Weise gegen einen höheren Käuferzuspruch zusammen, die alle im Grunde der deutschen Automobilindustrie anzulasten sind:

  • zu geringe Reichweite der E-Autos bei zu hohen Verkaufspreisen
  • mangelnde Infrastruktur
  • zu geringe Kaufprämie
  • fehlendes Tempolimit auf Autobahnen

 

Globaler E-Auto-Markt

Weltweit wächst der E-Auto-Markt. In China wurden in den ersten acht Monaten 2016 bei einem Zuwachs von 123 % allein 240.000 reine Stromer verkauft. Ihr Marktanteil liegt bei 1,7 %. Die Absätze steigen praktisch überall sehr deutlich an, allerdings nicht nur bei reinen Stromern, sondern noch mehr bei Hybrid-Fahrzeugen. Diese haben auch hierzulande recht gute Chancen, selbst wenn sie von deutschen Autobauern kommen. Dennoch dominiert in diesem Bereich der Toyota Prius ganz klar, der schon etliche Jahre Entwicklungszeit und praktischen Einsatz hinter sich hat. Er war vielleicht der erste Beleg dafür, dass die deutschen Autobauer ihre grüne Zukunft verpassen. Noch prekärer erscheint nur die Tatsache, dass der Weltkonzern VW statt mit E-Auto-Innovationen als krimineller Umweltsünder auffiel.

veröffentlicht von Simon

3 Comments

  1. Der Zoe kostet 21700€ OHNE Akku!

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    1. Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Text angepasst.

      Antworten

  2. Vor allem eine Kopfsache» - Taxi-Fahrer testet Elektroauto - Die Wirtschaftsnews 22. August 2017 at 6:27

    […] den derzeit viel diskutierten Diesel-Stinkern keine Zukunftschancen. Deshalb setzt er auf Autos mit Elektro-Antrieb. «Ich will in den nächsten Jahren 25 bis 30 Prozent meiner Fahrzeugflotte auf Elektro […]

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